ANNETTE BAUMEISTER & WILFRIED HUISMANN FÜR: „COLONIA DIGNIDAD – AUS DEM INNERN EINER DEUTSCHEN SEKTE“
Der zweiteilige Dokumentarfilm von Annette Baumeister und Wilfried Huismann widmet sich einer Thematik, die schon in zahlreichen journalistischen Beiträgen, sowie Spiel- und Dokumentarfilmen, dargestellt wurde: Die COLONIA DIGNIDAD, bekannt als Ort von Unterdrückung, Folter, sexuellem Missbrauch und Mord. Hort einer totalitären pseudochristlichen Sekte, die im Jahr 1961 im Süden Chiles mit rund 300 Anhängern gegründet wurde.
Die neue Qualität dieser dokumentarischen Aufarbeitung der „Colonia Dignidad“ liegt in der geschickten Nutzung bisher unbekannten historischen Bild – und Tonmaterials. Dieses „Archiv der Hölle“, wie die Filmemacher*innen es nennen – bestehend aus rund
500 Stunden Film und Ton plus tausender Fotos – wurde ursprünglich als Propaganda-material zur Außendarstellung der Sekte erstellt. Nachdem die Produzenten der Looksfilm auf verschlungenen Wegen an dieses Material gekommen waren, das offenbar über Jahre so gut versteckt war, dass es bei diversen polizeilichen Razzien in der Colonia Dignidad nie gefunden wurde, ließen sie dieses historische Material mühevoll restaurieren und digitalisieren.
Die Aussagekraft dieses Archivmaterials ist eindrucksvoll in seiner Enge, seinem deutschen Heile-Welt- Mief und entfaltet sich im Kontext mit den von den Filmemachern dramaturgisch hervorragend gesetzten Interviewpassagen und dem dezent einordnenden Text als bildhafte „Banalität des Bösen“.
Dabei ist es den beiden Autor*innen/Regisseur*innen sehr gut gelungen, die innere Dynamik der Colonia Dignidad aufzuzeigen und die Mechanismen der Unterdrückung und Manipulation zu verdeutlichen. Sie liessen Opfer auch zu Tätern werden, entfremdeten Kinder ihren Eltern und untersagten jeglichen Kontakt zwischen Männern und Frauen.
DOMINIK WESSELEY & ANTJE BOEHMERT FÜR: „LOVEPARADE – DIE VERHANDLUNG“
Der Dokumentarfilm „Loveparade – Die Verhandlung“ begleitet chronologisch das komplizierte Mammut-Prozessverfahren zum Unglück auf dem Technofestival 2010 in Duisburg.
Diesen umfangreichen Prozess, der am 4. Mai 2020 nach 184 Verhandlungstagen ohne Urteil beendet wurde, in einem Dokumentarfilm zu rekonstruieren ist eine anspruchsvolle Aufgabe.
In eindrucksvoller Weise gelingt es Dominik Wesseley und seinem Team durch die sehr gelungene Verflechtung von dokumentarischen Aufnahmen, inszenierten Bildern und Berichten das juristische Hin und Her über die Frage nach der strafrechtlichen Verantwortung für dieses Unglück spannend zu dokumentieren.
Die Hintergründe, wie es zu dieser Katastrophe kommen konnte, werden dem Zuschauer durch gerichtlich bestellte Gutachter nachvollziehbar verdeutlicht. Die ausgewählten Zeugen und Angehörigen der Opfer werden durch eine einfühlsame Kamera so dicht begleitet, dass wir die Auswirkungen des komplizierten Prozessverfahrens und dessen Verlauf auf sie geradezu spüren können.
Bewusst bleibt der Regisseur in seiner Behandlung der Fakten und Stimmungen des Strafverfahrens unparteiisch.
Die kluge Auswahl der Protagonisten, die gelungene Motivwahl, eine herausragende Kameraarbeit, Schnittleistung und Filmmusik machen diesen Film zu einem beeindruckenden Dokumentarfilm, der die Jury außerordentlich überzeugt hat.
Öffentlich – rechtliches Fernsehen – wie wir es uns wünschen.
DAG FREYER FÜR: „FRIEDLICHE REVOLUTIONÄRE- WIDERSTAND IN DER DDR“
Dag Freyer gelingt mit seinem Dokumentarfilm ‚Friedliche Revolutionäre’ ein ungewöhnlich intimer Blick in die Welt des DDR-Widerstandes in den 80er Jahren.
Der Zuschauer taucht ein in eine bunte, wilde Protestbewegung: von Punk über Friedens- und Umweltaktivisten, von freier Kunstszene bis zur Frauenbewegung. Dabei konzentriert sich Freyer auf die persönlichen Erlebnisse und lässt seinen Protagonisten die Zeit, ihre Geschichten des Widerstandes präzise und detailgetreu zu erzählen. Und es ist genau diese Detailliebe, die den überraschend kreativen und humorvollen Kampf gegen den SED Staat miterlebbar macht.
Es geht nicht nur um Zeitzeugenberichte in ihrem historischen Kontext, sondern ganz unaufdringlich gerät Freyers Dokumentation zu einem Film über die Möglichkeiten des Widerstandes im Allgemeinen und über die Verpflichtung, gegen einen scheinbar übermächtigen Gegner aufzustehen. Es ist die Geschichte Davids gegen Goliath, die Freyer hier erzählt. Bescheiden und unaufgeregt berichten seine Protagonisten über außerordentlich mutige und unerschrockene Taten. Dag Freyer dokumentiert, wie das Persönliche politisch wird und das Politische tief in das Persönliche eingreift.
Die herausragende Kameraarbeit, die zurückhaltende und intelligente Tonebene, die kluge und präzise Montage des Archivmaterials geben dem Film eine ungewöhnliche Spannung. Dag Freyer ist es gelungen, dieses schon oft berichtete Thema neu und spannend zu erzählen.